Extrazeit - Ehrenamtliches Engagement
Richterhütte
Treffpunkt ‚Richter-Hütte’ in den Zillertaler Alpen: Für die gemischte Freizeitgruppe ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen und Hochtouren auf Reichenspitze, Gabler, Richterspitze und Windbachtalkopf.
Wanderpause
Für Britta Ruckh und die anderen ehrenamtlichen Wanderfreunde sind die Touren mit geistig behinderten Menschen keine Mildtätigkeit, sondern ein ‚Geben und Nehmen’, das große Freude macht.

Die „weltbesten Betreuer“ sind ehrenamtlich tätig: Sportliches Hobby mit sozialem Engagement verbunden

Alljährlich bieten die Stuttgarter „Offenen Hilfen für Menschen mit Behinderungen“ der Diakonie Stetten – vormals „Behindertenhilfe Stuttgart“ – Wanderfreizeiten an; in die Schweizer Bergwelt, das Kleinwalsertal, nach Oberbayern oder Vorarlberg … Geführt und betreut werden die geistig behinderten Urlauber von einer Gruppe leidenschaftlicher Wanderfreunde – ehrenamtlich! Seit 20 Jahren!

„Nicht das Ehrenamt steht bei uns im Vordergrund, sondern, dass uns das Wandern großen Spaß macht“, betont Britta Ruckh mit Nachdruck. Seit 1987 verbindet die sportliche Endersbacherin ihr Hobby mit sozialem Engagement. Jedes Jahr begleitet sie geistig behinderte Menschen zu Wanderfreizeiten. Als Mildtätigkeit will sie ihr Engagement aber nicht verstanden wissen. „Es ist ein ‚Geben und Nehmen’, das große Freude macht und damit die beste Voraussetzung für gelingendes Ehrenamt.“

Die Begeisterung von Britta Ruckh wirkt ansteckend. Aus ihrem Bekanntenkreis kamen nach und nach weitere wanderfreudige Frauen und Männer dazu: 1992 war als Köchin Sigi Heinkelmann, die inzwischen verzogen ist, erstmals dabei; dann Helga Meißner, die Mutter von Britta Ruckh, die seit 1997 ohne Unterbrechung bei den Freizeiten in der Küche steht; Petra Philipp, eine Betriebswirtin, ist seit 1998 diejenige, die für gute Laune sorgt und, wenn es nötig ist, auch mal sagt, wo es lang geht. Für Technik und Transport sind der Computerfachmann Walter Nehr, der 1999 dazu stieß, Betriebswirt Andreas Bodenstein, 2003, und seit 2004 Thomas Ulmer, der wie Britta Ruckh bei der Polizei beschäftigt, zuständig. Gemeinsam  bilden sie einen festen Stamm, der Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen jeden Sommer eine 14-tägige Wanderfreizeit ermöglicht. Im Laufe der Jahre, wurden sie ein eingeschworenes Team, ein Freundeskreis, in dem sich jeder auf jeden fest verlassen kann.

Bei aller Begeisterung, das ehrenamtliche Engagement bedeutet auch „viel Gschäft“, und hohe Verantwortung. Auch wenn Heike Zillmann, für Freizeiten zuständige Mitarbeiterin der „Offenen Hilfen für Menschen mit Behinderungen“ die organisatorischen Aufgaben übernimmt, ist schon im Vorfeld von den Ehrenamtlichen eine Menge zu leisten: Gespräche mit Interessenten und ihren Familien, die Fahr- und Wanderrouten sind festzulegen. Der Speiseplan muss erstellt werden und Einkäufe sind zu erledigen. „Die Freizeiten finden immer in Selbstversorgerhäusern statt“, erzählt Helga Meißner, die für die Verpflegung sorgt. Abend für Abend sind ca. 20 hungrige Wandersleute, die den ganzen Tag unterwegs waren, zu verköstigen. Da die Ausstattung der Häuser sehr verschieden ist, und es allen gut schmecken soll, scheut die Seniorin keine Mühe und reist mit eigenen Töpfen und Pfannen und vom heimischen Herd an.

Kontakt mit behinderten Menschen hatte – bis auf Andreas Bodenstein in seiner Zeit als Zivildienstleistender – zuvor keiner. Wie schnell und unbefangen sich dieser entwickelte, hat als Neueinsteiger alle überrascht. Petra Philipp: „Ich habe die Teilnehmer sofort ins Herz geschlossen“ und auch Thomas Ulmer berichtet, wie ihn die unbefangene Begegnung beeindruckte und er sich der Gruppe anschloss.

Viele der Teilnehmer sind jedes Jahr wieder dabei. So wissen die Ehrenamtlichen inzwischen genau, was sie den Einzelnen zutrauen können, worauf sie achten müssen. Sie haben gelernt selbstverständlich Hilfestellung bei alltäglichen Verrichtungen wie Duschen oder Anziehen zu geben oder was bei einem epileptischen Anfall zu tun ist. Zur Sicherheit haben sie auch einen Notfallplan erstellt. Etwa für den Fall, dass sich jemand den Knöchel verstaucht und nicht mehr weiter kann oder die Wanderer unterwegs schlechtes Wetter überrascht. Gebraucht haben sie den Notfallplan noch nie. Doch trotz aller Umsicht sind sie nach jeder Reise froh und dankbar, wieder alle gut nach Hause gebracht zu haben.

Ein Erholungsurlaub ist die Wanderfreizeit für die Begleiterinnen und Begleiter also nicht. Christine Heß von den Offenen Hilfen der Diakonie Stetten und zuständig für freiwilliges soziales Engagement in der Diakonie Stetten: „Wir sind deshalb sehr dankbar, dass Arbeitgeber – manche schon seit Jahren – ehrenamtliche Arbeit durch Sonderurlaub honorieren und fördern.“ Dadurch wird Integration und Lebensqualität für Menschen mit Behinderungen ermöglicht.

Eine Würdigung ganz anderer Art erhalten die Ehrenamtlichen von den Freizeit-Wanderern. Walter Nehr: „Sie erleben bei der Wanderfreizeit: ‚Ich kann mir etwas zutrauen.’“ Denn ihnen wird etwas zugetraut. Das verbindet. „Viele der Mitreisenden fahren wegen uns mit“, freuen sich die Ehrenamtlichen, die das leidenschaftliche Kompliment bekamen: „Ihr seid die weltbesten Betreuer.“